Huawei Watch GT 6 Pro im Test: Wenn die beste Sportuhr die schlechteste Smartwatch ist
Eine Uhr, die drei Wochen ohne Steckdose auskommt, ein Titangehäuse trägt, ein EKG aufzeichnet und dabei so aussieht, als gehöre sie zum Anzug – und die trotzdem viele Tester nur mit angezogener Handbremse empfehlen. Der Grund steht nicht im Datenblatt: Huawei darf seit Jahren keine Google-Dienste nutzen, und genau das kostet die Huawei Watch GT 6 Pro in fast jedem Testbericht Punkte, die sie sich an anderer Stelle mühsam erarbeitet hat.
Wir haben 20 unabhängige Tests aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich und der Schweiz ausgewertet – von Fachmagazinen wie heise, ComputerBase und connect bis zu Sportmedien wie 220 Triathlon, road.cc und the5krunner, die die Uhr gegen Brustgurte und Garmin-Referenzgeräte antreten ließen. Das Bild, das dabei entsteht, ist erstaunlich einheitlich in den Stärken und erstaunlich uneinig in den Details.
Kurzfassung für Eilige
Die Watch GT 6 Pro ist eine ausgezeichnete Sportuhr im Gehäuse einer Business-Smartwatch: Akkulaufzeit, Verarbeitung, Display und Pulsmessung liegen quer durch alle Tests im oberen Bereich. Als Smartwatch bleibt sie dagegen ein Rumpfgerät – ohne App-Ökosystem, ohne unkompliziertes Bezahlen, ohne WLAN und eSIM. Zum aktuellen Straßenpreis von rund 249 Euro (Stand Anfang August 2026) rutscht sie dadurch von „teuer erkauft“ zu „ziemlich vernünftig“.
Titan, Saphir und 54 Gramm, die man spürt
Optisch hat sich Huawei kaum bewegt. Von der GT 5 Pro ist die neue Generation nach Einschätzung von heise/TechStage kaum zu unterscheiden – nur die deutlicher hervorstehende Lünette setzt einen neuen Akzent, das achteckige Grundmuster mit rundem Display bleibt. Das Gehäuse besteht aus Titanlegierung mit Keramikelementen, darüber liegt Saphirglas. Kratzer blieben in mehreren Langzeittests aus, auch bei Tech Advisor nach Wochen im Einsatz.
Der Durchmesser beträgt 46 Millimeter, das Gewicht je nach Armband um die 53 bis 54 Gramm. Darüber gehen die Meinungen auseinander: Macwelt hält das Gerät schlicht für eine Männeruhr, während die Testerin von La Sportive Outdoor die Proportionen auch an einem schmaleren Handgelenk als angenehm beschreibt. Mehrere deutsche Tests nennen die Uhr auf dünnen Armen wuchtig – elegant, aber wuchtig. Wer zwischen 41 und 46 Millimetern schwankt, sollte das im Laden anprobieren; die Pro gibt es nur in der großen Größe.
Bedient wird über Touchscreen, eine drehbare Krone und eine längliche Zusatztaste. Die Krone bekommt viel Lob für ihren Lauf, aber auch eine wiederkehrende Kritik: Sie funktioniert nicht überall. In der Kachel-Oberfläche muss man wischen statt drehen, erst innerhalb einzelner Apps wird sie aktiv – ein Detail, das im Alltag mehr stört, als es klingt. Uswitch merkt zusätzlich an, dass sie empfindlich reagiert und schon durch einen streifenden Ärmel ausgelöst werden kann.
Das Display misst 1,47 Zoll bei 466 × 466 Pixeln und erreicht bis zu 3.000 Nits Spitzenhelligkeit. Hier gibt es keinen Dissens: In praller Sonne bleibt alles lesbar, quer durch alle Tests. Das Always-on-Display kostet allerdings spürbar Laufzeit – dazu gleich mehr.
Die Akkulaufzeit: alle begeistert, alle mit anderen Zahlen
Huawei gibt bis zu 21 Tage an. Das ist der Wert, an dem sich die Tests abarbeiten – und sie kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.
Am oberen Ende steht digitec/Galaxus: Bei aktivierten Sensoren, aber ohne GPS-Nutzung sank der Akku dort um vier bis fünf Prozent pro Tag, was die 21 Tage bei moderater Nutzung tatsächlich erreichbar macht. Mit gelegentlichem GPS-Tracking blieben ein bis zwei Wochen. TechRadar kam mit mehreren GPS-Trainings auf volle zwei Wochen, connect auf knapp zwei Wochen. ComputerBase misst dagegen rund zehn Tage. Tech Advisor landet mit dauerhaft aktivem Display bei etwa sechs Tagen – der Verbrauch stieg dort von wenigen Prozent auf rund 15 Prozent täglich.
Die Spanne von sechs bis 21 Tagen erklärt sich also fast vollständig über zwei Schalter: Always-on-Display und GPS. Selbst der pessimistischste Wert liegt aber immer noch weit über dem, was Apple, Samsung oder Google liefern – Tech Advisor formuliert es genau so. Für GPS-Sport nennt Huawei bis zu 40 Stunden; 220 Triathlon kommt in der Praxis sogar auf bis zu 45 Stunden, Tech Advisor rechnet aus einem Verbrauch von vier Prozent pro Stunde hoch, dass die Herstellerangabe nicht ganz aufgeht.
Praktisch heißt das: Wer das Display abschaltet und dreimal die Woche trainiert, lädt alle ein bis zwei Wochen. Wer alles anschaltet, kommt auf gut eine Woche. Beides ist eine andere Liga als der tägliche Nachtstrom.
Sport: exzellent gemessen, außer beim neuen Vorzeigefeature
Beim Puls liefert die GT 6 Pro Werte, die selbst kritische Sporttester überzeugen. Wareable hat über 50 Meilen Lauf und ungefähr das Doppelte auf dem Indoor-Rad geloggt und die Uhr gegen eine Garmin Forerunner 970 mit HRM-Pro-Plus-Brustgurt gestellt: 146 zu 147 Schlägen im Durchschnitt, 176 zu 179 im Maximum. the5krunner verglich unter anderem mit einem Polar-Brustgurt und einer Apple Watch Ultra 3 und sah Abweichungen von ein bis zwei Schlägen pro Minute über sechs Trainingsarten hinweg – mit der Einschränkung, dass die Uhr über längere Einheiten leicht zu niedrig misst. Selbst im Kraftraum, wo Handgelenkssensoren traditionell scheitern, schlug sie sich dort ordentlich.
Auch das GPS wurde deutlich verbessert. Huawei nennt eine neue Antennenarchitektur und rund 20 Prozent mehr Genauigkeit gegenüber dem Vorgänger, dazu Dual-Band-Empfang für alle gängigen Satellitensysteme. GSMArena beschreibt die Ortung als punktgenau bis auf Straßenniveau in dichter Stadtbebauung, merkt aber an, dass der erste Fix gelegentlich bis zu 20 Sekunden dauerte. Uswitch lobt die stabile Distanzmessung auch im Wald und zwischen Häusern. the5krunner nennt sie nach über 15 Stunden Messungen ebenfalls sehr gut, sah aber vereinzeltes Glätten der Spur in der Stadt – und scheiterte daran, die Daten sauber aus dem Huawei-Ökosystem zu exportieren, weder über Strava noch über die iOS-Synchronisierung.
Und dann ist da der virtuelle Powermeter, das Marketing-Highlight dieser Generation. Die Uhr schätzt die Tretleistung aus Geschwindigkeit, Steigung, Höhe und Körper- sowie Raddaten, ohne externe Sensoren – laut ComputerBase eine Premiere in dieser Form. Uswitch sieht darin die Chance, ohne teure Hardware nach Watt zu trainieren. the5krunner hat gegen ein echtes Powermeter gemessen und kommt zu einem vernichtenden Urteil: über zehn Prozent Abweichung, für ihn unbrauchbar. Wer die Funktion als grobe Orientierung nimmt, wird zufrieden sein. Wer damit Intervalle steuern will, braucht weiterhin Pedale oder Kurbel mit echter Messung.
Ansonsten ist die Ausstattung üppig: über 100 Sportmodi, Offline-Karten über Petal Maps mit Topografie, GPX-Import, Zurück-zum-Start-Navigation, Laufdaten wie Bodenkontaktzeit und vertikale Oszillation, Vektorkarten für Golfplätze, Freitauchen bis 40 Meter nach EN 13319 und 5 ATM Wasserdichtigkeit. 220 Triathlon nennt einen Haken bei der Navigation: Die Petal-Maps-App fürs Smartphone gibt es nur für Android.
Gesundheit: viel Technik, uneiniges Urteil beim Schlaf
Die Pro unterscheidet sich von der Standard-GT-6 vor allem hier. EKG, Erkennung von Vorhofflimmern, Messung der arteriellen Steifigkeit und eine Pulswellenanalyse sind exklusiv, dazu kommen Hauttemperatur, SpO₂, HRV auch tagsüber, Stress- und Stimmungsauswertung sowie eine überarbeitete Sturzerkennung. Notebookcheck weist auf deren Grenze hin: Ohne gekoppeltes Smartphone kann die Uhr im Notfall niemanden alarmieren, ein eigenes Mobilfunkmodul fehlt. Bei den EKG-Berichten loben mehrere Tests, dass sich die Auswertung als Datei exportieren und dem Arzt vorlegen lässt.
Beim Schlaf widersprechen sich die Tests deutlich – und zwar nicht in Nuancen. Allround-PC beschreibt die Ergebnisse als nahezu identisch mit Galaxy Watch Ultra und Apple Watch Ultra 2. HUAWEI.blog hält die Phasenerkennung für sehr präzise. Dem stehen nextpit gegenüber, wo die Uhr im Vergleich zum Oura Ring 4 Schwierigkeiten hatte, Zeit im Bett von tatsächlichem Schlaf zu trennen, was die Bewertung zu positiv ausfallen ließ, und heise/TechStage, wo nächtliche Wachzeiten nicht immer zuverlässig erfasst wurden. the5krunner ordnet das Ergebnis als gemischt ein: Tiefschlaf plausibel, REM- und Leichtschlafanteile schwankend.
Unser Eindruck aus der Zusammenschau: Die Trendaussage über Wochen dürfte brauchbar sein, die Einzelnacht sollte man nicht überinterpretieren. Wer Schlaf als Hauptgrund für den Kauf sieht, ist mit einem spezialisierten Gerät besser bedient.

Die eigentliche Schwäche: alles, was nicht Sport ist
Hier sind sich die Tests dann wieder einig, und das Urteil fällt hart aus. Es gibt keine Google-Dienste und keinen Play-Store-Eintrag. Auf iPhones, Samsung- und Honor-Geräten findet man die Health-App noch in den jeweiligen Stores, auf anderen Android-Telefonen muss man sie per QR-Code installieren und dafür kurzzeitig zusätzliche Berechtigungen erteilen – heise/TechStage beschreibt das als umständlich, TechRadar zählt das Side-Loading zu den zentralen Minuspunkten.
Das App-Angebot auf der Uhr bleibt überschaubar. Bezahlen funktioniert nur über Umwege: Die frühere Lösung über Quicko existiert nicht mehr, inzwischen läuft es laut heise über Curve Pay – umständlich genug, dass TechRadar es in der niederländischen Fassung ausdrücklich als Minuspunkt führt. WLAN und eSIM fehlen komplett. Sprachsteuerung setzt ein Huawei-Smartphone voraus. Viele Zifferblätter kosten extra. Wareable bringt es auf den Punkt: eine hervorragende Sportuhr, aber wer ein echtes Smartwatch-Erlebnis erwartet, macht erhebliche Abstriche.
Unser Fazit
Die Watch GT 6 Pro ist ein Gerät mit klarem Profil, und genau das macht die Kaufentscheidung leicht. Sie ist keine Smartwatch mit Sportfunktionen, sondern eine Sportuhr mit Smartwatch-Optik. Wer das akzeptiert, bekommt für den aktuellen Straßenpreis von rund 249 Euro eine Kombination, die in dieser Klasse selten ist: Titan und Saphirglas, ein Display, das in der Sonne nicht kapituliert, eine Pulsmessung auf Brustgurtniveau und eine Laufzeit, die den Ladevorgang zur Wochenaufgabe degradiert statt zur Abendroutine.
Die UVP von 379 Euro für die Sportarmband-Version fanden wir dafür schon fair. Zum halben Preis wird die Uhr zur Empfehlung für alle, die ohnehin nicht am Handgelenk bezahlen und keine Apps auf der Uhr brauchen.
Zwei Dinge sollte man aber nüchtern sehen. Der virtuelle Powermeter ist ein hübsches Extra und kein Trainingswerkzeug – dafür ist die Abweichung im direkten Vergleich zu groß. Und das Schlaftracking teilt die Tester so deutlich, dass wir es nicht als Kaufargument werten würden. Wer beides nicht braucht, findet hier eine der stimmigsten Sportuhren des laufenden Jahres.
Wie seht ihr das?
Ist eine Smartwatch ohne Bezahlfunktion und App-Store für euch 2026 noch eine Option – oder ist das ein Ausschlusskriterium, egal wie gut der Rest ist? Und falls ihr die GT 6 Pro schon fahrt: Wie nah liegt der virtuelle Powermeter bei euch an den Werten eines echten Messsystems? Schreibt es in die Kommentare.
